01 - Kurze Einführung in die Organisation der sowjetischen Kriegsgefangenenlager
(aus: DRK-Suchdienst, Zur Geschichte der Kriegsgefangenen im Osten, Teil II - Lebensbedingungen und Sterblichkeit in den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern, S.29 – 35, sowie auszugsweise durch andere Internetforen übernommen und online vorliegend)



1. Der Ostfeldzug lässt sich im Hinblick auf seinen Verlauf für die Deutschen in vier große Zeitabschnitte gliedern:

  • der Vormarsch von Kriegsbeginn mit der Sowjetunion (22. Juni 1941) bis Stalingrad (Februar 1943);
  • die Abwehrkämpfe (Frühjahr 1943 bis Frühjahr1944,
  • der Rückzug (Frühjahr 1944 bis Frühjahr 1945);
  • Kapitulation am 8. Mai 1945.



Die hieraus resultierenden Kampfgeschehnisse sind bestimmend für die Zahl der in sowjetische Gefangenschaft geratenen Soldaten und damit zugleich für Umfang und Bedeutung der Kriegsgefangenenfrage im Osten. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Deutschen weniger der Gefahr einer Gefangennahme ausgesetzt waren, solange sie angriffen, als während der Zeit der Rückzugskämpfe und bei Niederlegung der Waffen (Kapitulation). Dementsprechend wurde die Sowjetunion mit Fortschreiten des Ostfeldzuges in immer größerem Maße zur Gewahrsamsmacht für deutsche Kriegsgefangene. Während in den ersten beiden Jahren nur etwa 250 000 bis 300 000 und im Jahre 1944 etwa 450 000 bis 500 000 Mann in ihre Hände fielen, sah sie sich 1945 plötzlich einer Millionenzahl von Gefangenen gegenüber.



2. Die Gefangenschaft begann vorwiegend mit dem Aufenthalt in einem „Sammellager", dessen Existenz als Provisorium zu betrachten ist. Sein Zweck war die zahlenmäßige Registrierung der Kriegsgefangenen und ihre Zusammenziehung an Orten, von denen aus ihr Abtransport in die „Kriegsgefangenenlager“ erfolgen konnte. Eine Nummerierung solcher Sammellager lässt sich auf auf sowjetischem Territorium, nicht jedoch in anderen Teilen des östlichen Kriegsschauplatzes (Rumänien, Ungarn, Österreich; CSR, Polen, Ostdeutschland u. a.) beobachten. Während die außerhalb der Sowjetunion, jedoch im Einflussbereich der Roten Armee errichteten Sammellager nach längerer oder kürzerer Zeit wieder aufgelöst wurden bzw. sich durch den Abtransport der Kriegsgefangenen von selbst auflösten, entwickelten sich aus einzelnen der in der Sowjetunion selbst entstandenen Sammellager feste Kriegsgefangenenlager, so z. B. aus dem Sammellager Tscherepowez Nr. 437 die Lagerverwaltung (Uprawlenije) 437 (ab Frühjahr 1947 mit 7437 bezeichnet), aus dem Offizierssammellager Nr. 27 Krassnogorsk die Uprawlenije 27 (ab Frühjahr 1947 mit 7027 bezeichnet) und andere.


3. Charakteristisch für die Art der Gewahrsamshaltung von deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion waren anfangs auch die „Arbeitsbataillone“ der Roten Armee. Ihre Entstehung erklärt sich aus den Anforderungen, denen sich die sowjetischen Truppen ab 1944 gegenübersahen: ihr Vormarsch nach Westen verlangte die schnelle Instandsetzung von Nachschubstraßen, Eisenbahnlinien und Brücken. Arbeitsbataillone findet man daher vorwiegend im Gebiet unmittelbar hinter der Front, so im Donbass, Weiß-Russland, Ostpreußen, Galizien, Wolhynien und Leningrad, zum Teil aber auch im rückwärtigen Kampfgebiet, so im Raum von Moskau, im Kaukasus, auf der. Krim und in der Ukraine. Die Angehörigen der Arbeitsbataillone unterstanden im Hinblick auf ihre arbeitsmäßige Verwendung der Befehlsgewalt der sowjetischen Truppenführer, während sie administrativ der nächstgelegenen Uprawlenije angeschlossen waren. Diese Bindung bestand bis Anfang 1947. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Arbeitsbataillone auch verwaltungstechnisch selbständig. Erkennbar waren sie an ihrer Numerierung. Beispiel. Eines der Arbeitsbataillone in Brest hatte ursprünglich die Nummer 284/335• Diese besagt, dass das Arbeitsbataillon 335 administrativ der Uprawlenije 284 in Brest angegliedert war. Ab Frühjahr 1947 hieß es 6335. Es war verwaltungsmäßig selbständig geworden. Die 6 unterschied es von den der MWD unterstellten Uprawlenijen (Ausnahmen siehe Abschnitt 5), die zum gleichen Zeitpunkt eine 7 vor ihre eigentlichen Lagernummern gesetzt bekamen. Näheres hierüber siehe 4. Abschnitt.
Von den anfänglich 120 bis 130 Arbeitsbataillonen (durchschnittliche Belegungsstärke ca. 2000 Mann) bestanden im Sommer 1948 nur noch etwa 20 bis 25, die im folgenden Jahr ebenfalls aufgelöst wurden. Die nicht entlassenen Kriegsgefangenen wurden in die Kriegsgefangenenlager der MWD übergeführt. Die Lebensbedingungen unterschieden sich nicht von denen in den MWD-Lagern.


4. Die Masse der Kriegsgefangenen wurde in die Kriegsgefangenenlager des MWD (Ministerium für Innere Angelegenheiten) verbracht. Mehrere dieser Lager wurden zu einer „Lagerverwaltung“ (Uprawlenije) oder „Lagergruppe“ zusammengefasst, deren äußeres Kennzeichen eine gemeinsame „Lagernummer“ war. Der Sitz der Lagerverwaltung befand sich im „Hauptlager“. Die übrigen Lager (3 bis 25) wurden mit „Teillager“ oder „Nebenlager“ bezeichnet.
Beispiel:

In Minsk befand sich die Uprawlenije 168 (ab Frühjahr 1947 mit 7168 bezeichnet). Die Teil- oder Nebenlager hatten dann folgende Nummern: 168/1 (7168/1), 168/2 (7168/2), 168/3 (7168/3) usw. Bei einigen Uprawlenijen traten bei Teillagern an Stelle von Ziffern Buchstaben, z. B. 406/Z (7406/Z).
Im Hauptlager (das nicht immer mit dem Teillager identisch war) gab es neben der Lagerverwaltung auch das „Zentrallazarett“ für die gesamte Lagergruppe. Jedes Teillager hatte sein eigenes „Lagerlazarett“.


5. Darüber hinaus gab es jedoch auch noch „Kriegsgefangenenhospitäler“, die bis 1947 analog den Arbeitsbataillonen administrativ einer Uprawlenije unterstanden, dann aber selbständig wurden. Sie hatten eigene Nummern, die sie als Kriegsgefangenenhospitäler auswiesen. Beispiel:
Das Kriegsgefangenenhospital in Wolsk hatte zuerst die Nummer -137/1691. Es unterstand verwaltungsmäßig, bis 1947 der Uprawlenije 137 (7137) in Wolsk. Ab 1947 führte es nur noch die Nummer 1691.
Im Jahre 1948 wurde die 1(am Anfang der Zahl) bei allen Kriegsgefangenenhospitälern mit einer 8 ausgetauscht (1691 - 8691). Einige Kriegsgefangenenhospitäler im Donbass hatten ausnahmsweise Nummern, die (wie die Arbeitsbataillone) mit einer 6 anfingen, und zwar: 6009 Golubowka, 6011 Rubeshnoje, 6013 Karakasch, 6027 Gorlowka, 6028 Dsershinsk, 6029 Tschistiakowo, 6047 Zukuricha. (dazu siehe auch Findbuch des RGWA)


6. Die Unterscheidung zwischen „Lazarett“, „Zentrallazarett“ und „Kriegsgefangenenhospital“ ist von Bedeutung für die Nachforschung. Wurde ein kranker Kriegsgefangener in das „Lazarett“ eingeliefert, so handelte es sich nur um eine relativ
leichte Erkrankung. Er blieb auf jeden Fall in seinem Lager. Seine Einlieferung in das „Zentrallazarett“ deutete auf eine schwerere Erkrankung hin. Immerhin blieb er auch dann noch innerhalb seiner Uprawlenije und konnte nach seiner Wiedergenesung damit rechnen, in sein ursprüngliches Lager oder wenigstens in ein anderes Teillager der gleichen Uprawlenije zurückgebracht zu werden.
Anders bei seiner Einlieferung in ein „Kriegsgefangenenhospital“. In diesem Falle schied er aus seiner Uprawlenije aus. Nach seiner Genesung wurde er meist in das Teillager einer anderen Uprawlenije eingewiesen oder im günstigsten Falle in die Heimat entlassen. Die Rückkehr in sein altes Lager war verhältnismäßig selten.
Diese Gesichtspunkte können im Einzelfalle für die Bewertung von Tatsachen entscheidend sein, lässt sich doch aus dem „Wohin“ der Verlegung eines kranken Kriegsgefangenen die Schwere seiner Erkrankung ablesen.
Welches Kriegsgefangenenhospital für eine Lagergruppe zuständig war, ließ sich vor den erwähnten Umnumerierungen im Frühjahr 1947 leichter erkennen als später. An sich musste man stets die räumliche Lage von Kriegsgefangenenlager und Hospital zueinander berücksichtigen. Einfach war dies in Fällen, in denen beide im gleichen Ort lagen. Z. B. gehörte das Hospital 5384 Alexin zur Lagergruppe 7053 Alexin. Schwieriger war es, wenn das Hospital an einem anderen Ort als die Uprawlenije stationiert war. Z. B. gehörte zur Uprawlenije Tscheljabinsk-Magnitogorsk das Hospital 5921 in Platina. Unsicher wird diese Feststellung dort, wo sehr viele Lagergruppen in einem relativ engen Raum konzentriert waren, wie etwa im Donbass. Im übrigen konnte ein Kriegsgefangenenhospital auch für mehrere Uprawlenijen zuständig sein.


7. Einen breiten Raum in der Geschichte der sowjetischen Kriegsgefangenenlager nehmen die Umnumerierungen ein. Es ist auch nicht annähernd möglich, alle diese Umnumerierungen hier wiederzugeben. Um die Bedeutung dieses Problems anzudeuten, seien folgende Beispiele genannt:

  • die Uprawlenije Molotow hatte die Nummern 346 - 366 - 207 - 7207;
  • die Uprawlenije Riga hatte die Nummern 277 - 3I7 - 350 - LR plus eine oder zwei Ziffern (LR 1, LR 23) - 79 plus zwei weitere Ziffern (7904, 7956);
  • die Uprawlenije Leningrad hatte die Nummern 254 - 339 - 77 plus zwei weitere Ziffern (7701, 7721);
  • die Uprawlenijen Tscheljabinsk-Magnitogorsk hatten die Nummern 68 - 102 - 76 plus zwei weitere Ziffern (7602, 7615), nachdem sie zu einer Uprawlenije zusammengelegt worden waren;
  • die Uprawlenije Moskau hatte die Nummern 90 - MO plus eine oder zwei Ziffern (MO 5, MO 45) - 78 plus zwei weitere Ziffern (7807, 7842).


Aber auch einzelne Teillager einer Lagergruppe wurden im Laufe der Jahre häufig umnumeriert. So wurde z. B. das Lager 7326/7 im Jahre 1947 zum Lager 7326/2.
Bei einigen Uprawlenijen muss außerdem im Hinblick auf ihre örtliche Fixierung der Zeitpunkt berücksichtigt werden. Beispiele: die Uprawlenije 7395 befand sich bis zum Herbst 1948 im Raum Kalinin, NO Moskau, und wurde dann in den Raum Bjelgorod,
S Kursk verlegt, wo sie aus Lagern der Uprawlenijen 7145 und 7399 neu gegründet wurde; die Uprawlenije 7414 blieb bis Herbst 1948 im Raum Kiew und kam danach in den Raum Saporoshje; die Uprawlenije. 7424 war bis Herbst 1948 im Raum Pjatigorsk (Kaukasus), dann im Raum Melitopol.
Immerhin wird daraus ersichtlich, dass die richtige Beurteilung eines Verschollenenfalles (Fortleben oder Tod) eingehende Kenntnisse über die sowjetische Lagergeschichte zur Voraussetzung hat, sollen aus den vorliegenden Tatsachen keine Fehlschlüsse gezogen werden.


8. Zahlreiche Kriegsgefangenenlager hatten neben ihrer Nummer und ihrem Standort noch so genannte „Spezialbezeichnungen“. So hieß das Lager 7117/8 Gorki im Sprachgebrauch der Heimkehrer „Treppenlager“, das Lager 7199/7 Nowosibirsk „Ziegeleilager“, das Lager 7414/24 Kiew „Bunkerlager“ u. v. a. Diese Spezialbezeichnungen lassen entweder auf die Arbeitsmaßnahmen, auf die Unterbringungsart der Kriegsgefangenen oder die besondere Lage des Lagers („Friedhofslager“„ ,Hafenlager“) schließen.


9. Im Sommer 1948 wurde die Zahl der Uprawlenijen in der Sowjetunion auf ca. 370 bis 380 geschätzt. Damals dürften, einschließlich der Kriegsgefangenenhospitäler, noch etwa 1500 bis 2000 Einzellager bestanden haben.


10. In der Anfangszeit befanden sich Kriegsgefangene in geringer Zahl auch zusammen mit verschleppten Zivilpersonen in „Zivilinterniertenlager“ (vorwiegend im Donbass und im Ural), wurden aus diesen jedoch sehr bald wieder herausgezogen und in Kriegsgefangenenlager gebracht.


11. Die große Mehrzahl der Kriegsgefangenenlager war im europäischen Russland stationiert, wobei sich Schwerpunkte im Donbass, in der Ukraine, im Ural, in Belarus (Weißrussland), im Kaukasus und im Großraum von Moskau sowie im Raum von Leningrad abzeichneten.
Im asiatischen Russland waren - entgegen einer weit verbreiteten Meinung - relativ nur wenige Kriegsgefangenenlager zu finden (Karaganda, Stalinsk, Alma-Ata, Taschkent u. a.).


12. Kriegsgefangene befanden sich ferner in Gefängnissen (Lubjanka, Butyrka u. a.) und in Straflagern (Workuta, Karabas u. a.).


13. Das Kriegsgefangenenwesen unterstand einer besonderen Abteilung beim „Ministerium für Innere Angelegenheiten (MWD)“ in Moskau. Ihre an die Abteilungen für das Kriegsgefangenenwesen bei den Innenministerien der Unions-Republiken erteilten Richtlinien hatten die größtmögliche Ausschöpfung der Arbeitskraft der Kriegsgefangenen zum Ziel. Eine enge Zusammenarbeit mit der "Lagerhauptverwaltung (Gulag)“ in Moskau, der alle Arbeits- und Erziehungslager unterstanden, sowie mit der „Zentralen Arbeitsverwaltung des Arbeitsministeriums" und den Dienststellen für die Planung und Durchführung des vierten Fünfjahresplanes war daher unerlässlich.


14. Über die Errichtung oder Auflösung bzw. Verlegung eines Kriegsgefangenenlagers oder einer ganzen Lagergruppe entschied allein die Zentrale in Moskau. Ausschlaggebend hierfür waren Zweckmäßigkeitsgründe, d. h., die Kriegsgefangenen wurden stets dorthin gebracht, wo es die Produktion bzw. Produktionssteigerung erforderte. Daher rühren die erwähnten Verlegungen. So wurden z. B. im Jahre 1946 große Kontingente an Kriegsgefangenen aus den Lagern im Baltikum herausgezogen, um bei den Bauarbeiten zur Verbreiterung der Autostraße Moskau-Charkow-Odessa eingesetzt zu werden. Ein gleicher Vorgang wiederholte sich 1947 zur Intensivierung der Kohleförderung im Donbass.


15. Jede Uprawlenije wurde von einem sowjetischen Stabsoffizier geleitet. Ihm unterstanden die Abteilungen für „Sicherheit", "Arbeitseinsatz und Produktion", "Finanzen", "Registrierung und Personalien", "Bekleidung", "Gesundheitswesen", "Verpflegung" und „Politische Betreuung“. Die Abteilung für „Überwachung und Fahndung“ nahm eine Sonderstellung ein und hatte ihren eigenen Dienstweg. Jede Abteilung wurde von einem sowjetischen Offizier geführt.


16. Für die innere Organisation im Lager waren vorwiegend Kriegsgefangene eingesetzt. Die Verantwortung hierfür lag in Händen eines „Lagerältesten“ oder „Lagerbevollmächtigten.“ Ein „Schreiber“ führte die Kartothek, in der jeder Gefangene mit seinen Personalien und seinen beruflichen Kenntnissen verzeichnet war. Er hatte außerdem schematische Darstellungen (Graphiken) über Arbeitseinsatz und Arbeitsleistungen anzufertigen. Täglich war die Verpflegungsstärke festzustellen, Abstellungen zu oder Rückkehr von Arbeitskommandos zu verbuchen, Versetzungen, Lazaretteinweisungen, Zugänge aus anderen Lagern und Abtransport von Gefangenen in Untersuchungshaft festzuhalten. Für die Disziplin und Ordnung in den Unterkünften sorgten die Bataillons- und Kompanieführer. Eine Kriegsgefangenenkompanie hatte durchschnittlich eine Stärke von 80 bis 120 Mann. Jede Baracke hatte einen „Barackenältesten“.
Zum deutschen Lagerpersonal gehörten ferner das „Antifaschistische Aktiv“, die Dolmetscher, das Küchenpersonal, die Ärzte und Sanitäter, die Friseure und die Angehörigen der Lagerwerkstätten (Schneider, Schuster u. a.). Die Zahl des Lagerpersonals sollte sieben Prozent der Belegungsstärke des Lagers nicht überschreiten. Man verwendete für diese Funktionen oft Kranke, Invaliden und bedingt Arbeitsfähige. Die ehemaligen Offiziere bildeten anfangs eine eigene Kompanie, ebenso die Kranken und Invaliden.

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